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Weinzeit an Saale und Unstrut

Abgerechnet wird, wenn alle Trauben in den Kellern sind

Abgerechnet wird, wenn alle Trauben in den Kellern sind

Andreas Clauß – im Foto mit der damaligen Weinkönigin Sandra – hat auch schon den Königinnenwein gestellt. FOTO: KIRSTEN SEYFARTH
Andreas Clauß – im Foto mit der damaligen Weinkönigin Sandra – hat auch schon den Königinnenwein gestellt. FOTO: KIRSTEN SEYFARTH
Mitten in der Erntezeit wissen die Freyburger Winzer längst um den diesjährigen Ertrag ihrer Reben. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Weinbauverbandes Saale-Unstrut, Andreas Clauß, gab zum Vegetationsverlauf Auskunft.

Die Winterfröste sind im zurückliegenden Winter weitgehend ausgeblieben, so dass an Saale und Unstrut kein Eiswein geerntet wurde. Das Jahr hat wie bereits 2018 und 2019 schon wieder sehr trocken begonnen. Aber mild begonnen, so dass der Austrieb der Reben wieder frühzeitig begann. Die Frühjahrstrockenheit bereits im dritten Jahr in Folge macht die Winzer immer nachdenklicher. Und dann kamen die Eisheiligen mit der kalten Sophia. Diese eine Nacht mit Temperaturen von bis zu minus sieben Grad Celsius hat zum Teil verheerende Spätfrostschäden in den Weinbergen verursacht, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Mitte Mai war allen Betroffenen klar: Das wird eine kleine Ernte geben. Die abgefrorenen Reben sind mit Verspätung nochmal ausgetrieben, aber mit sehr wenig Traubenansatz. Der Sommer war angenehm warm, hatte einige heiße Tage, aber bei weitem nicht so heftig wie in den beiden Vorjahren. Der Regen kam im August auch noch zur richtigen Zeit, immer noch zu wenig, aber immerhin ausreichend für die Reben.
 
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Nun beginnt die Weinlese, die ersten Trauben zum Federweißen wurden bereits Ende August geerntet. Alle Winzer und Weinfreunde sind auf die nächsten sechs Wochen gespannt. Bleibt das Wetter spätsommerlich trocken, mit kühlen Nächten für eine ideale Traubenreife? Oder überrascht uns noch Dauerregen oder früher Frost?

Herr Clauß, hat sich die alte Wetterregel „Schaltjahre sind Kaltjahre“ bewahrheitet?

Auf der einen Seite könnte man das schon sagen, auf der anderen Seite wissen wir aus dem Vortrag von Jörg Kachelmann zum Mitteldeutschen Weinbautag im Januar, dass sich das Wetter selten an diese Weissagungen hält. Abgerechnet wird, wenn alle Trauben in den Kellern sind!

Sind Winzer ein wenig abergläubisch? Gibt es bereits zu Jahresbeginn Anzeichen, die auf den Ernteertrag schließen lassen?

Manche Winzer mögen abergläubisch sein. Ich sehe langfristige Vorhersagen inzwischen distanziert. Im Januar ging tagelang durch die Medien, dass der Winter sehr kalt werden würde und es kam ganz anders.

In diesem Jahr hat es doch aber mehr als 2019 geregnet?

Es hat tatsächlich mehr geregnet, aber wiederum regional sehr unterschiedlich. Die Thüringer sind rund um Jena und Weimar sehr gut bedient worden, in Freyburg gab es deutlich weniger Niederschlag.

Gibt es Weinsorten, die von diesem Wetter profitiert haben?

Das kann man in diesem Jahr nicht sagen, der Spätfrost bestimmt in diesem Jahr das Geschehen im Weinberg.

Waren die Mäuseplage und die Population der Kirschessigfliege auch bei den Winzern der Saale-Unstrut-Region ein Thema?

Die Mäuseplage ist in der Tat ein Thema, hier muss man abwarten, wie das Rennen um die Trauben ausgeht. Der Einsatz von Mäusegift, obwohl dringend notwendig, ist politisch nicht gewollt. Die Kirschessigfliege, ein Schädling, der 2014 zum ersten Mal an Saale-Unstrut zugeschlagen hat, scheint unter den derzeitigen Witterungsbedingungen keine Bedeutung zu bekommen.

Wie hat sich bisher die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit ausgewirkt? Es gab ja keine Veranstaltungen, Messen oder Märkte. Sind neue Vermarktungsstrategien geplant?

Sicher ist es sehr schade, dass sämtliche Weinfeste ausgefallen sind. Im Hinblick auf die zu erwartende kleine Ernte, ist dies noch zu verschmerzen, zumal der Weinverkauf in den letzten Wochen sehr gut gelaufen ist. Neue Strategien, um mehr Wein abzusetzen, sind in dieser Zeit weniger gefragt, eher solche, wie wir es erreichen, dass wir in den kommenden Monaten mit der kleinen Ernte möglichst alle Kunden halbwegs beliefern können.

Abgerechnet wird doch immer zum Schluss. Gibt es auch 2020 gute Weine?

Die erreichte Qualität wird erst in den nächsten Wochen festgelegt. Premiumqualitäten wie in den Jahren 2018 oder 2019 sind zum Weinlesebeginn eher weniger zu erwarten. Ein goldener Oktober kann aber noch für eine positive Überraschung sorgen und den 2020er Wein noch zu einem Spitzenjahrgang reifen lassen. Das wäre vielleicht ein versöhnlicher Abschluss eines turbulenten Winzerjahres.
 
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